Arnold Gustavs

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Kritische Stellungnahme

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Reichsgottesdienst auf Hiddensee 1933 - 1945

Arnold Gustavs - Inselpastor im Dritten Reich

- eine Dokumentation -

Verfaßt von Owe Gustavs

 

Eine kritische Stellungnahme von Arne Gustavs

 

(Editorische Vorbemerkung: Die aus o.g. Buch zitierten Textpassagen wurden eingerückt. Die dort zitierten Texte wurden in Anführungszeichen gesetzt.)

 

Vorbemerkung

Der Verfasser Owe Gustavs - fortan OG - hat auf 459 Seiten Materialien veröffentlicht, die er aus dem Nachlaß unseres Großvaters als Universalerbe von unserer Tante Annalise, genannt Wieschen, der Tochter des Inselpastors Arnold Gustavs in die Hände bekommen hat. Welcher Frust, welche Enttäuschung unseren Bruder OG dazu bewogen haben könnte, dieses Material unter dem Gesichtspunkt einer Herabwürdigung der Kirche im allgemeinen und des langjährigen Amtsinhabers, unseres Großvater, im besonderen zu veröffentlichen und abfällig zu kommentieren, ist unklar. OG nennt diese Schrift eine Dokumentation. Was dokumentiert werden soll, nennt er in der Vorbemerkung. Er schreibt, daß:

„nach dem 30. Januar 1933 Dorfgeistliche, gestützt auf ihre Amtsautorität, als traditionelle Leitfiguren ‘Werbeträger’des Nationalsozialismus waren und auf dem Lande zur Akzeptanz und Festigung des Hitlerregimes beitrugen, vor allem in den entscheidenden ersten Jahren der Naziherrschaft. Die hier gegebene Darstellung des ‘Falles Arnold Gustavs’ wirft ein Schlaglicht auf den ‘Dorfpastor im Dritten Reich’, oder, um genau zu sein, eine seltene Varietät desselben - den ‘Inselpastor’.“ (OG S.11)

Zunächst muß festgestellt werden, daß die Bezeichnung „Dokumentation“ falsch ist. Eine Dokumentation ist eine erschlossene Sammlung von Texten, die in systematischer Ordnung diese auffindbar macht.

Was OG gemacht hat, ist eine tendenziöse Auswahl von Zitaten aus einer vorliegenden Textsammlung, die in der Weise mit Kommentaren versehen sind, daß sie eine Mitschuld der Kirche im allgemeinen und von Pastor Gustavs im besonderen am „Grauen und Elend“ belegen sollen. Es handelt sich hier nicht um eine Dokumentation sondern um eine Schmähschrift im Stile parteipolitischer Diffamierungskampangnien.

Ferner wird

das Bestreben der Hiddenseer Kirchenvertreter belegt, die Mitschuld ihrer Kirche an dem Leid zu verschweigen, das zwei Weltkriege und ein zwölfjähriges Terrorregime über Menschen brachten.

Es ist schon eine Ungeheuerlichkeit, der Kirche eine derartige Mitschuld zu unterstellen. Und an anderer Stelle wird Arnold Gustavs ganz persönlich dieser Schuld bezichtigt. Zunächst wird eine Eintragung von Arnold Gustavs in der Kirchenchronik zitiert mit dem anschließenden Kommentar: (OG S. 237)

„Nun hat der Krieg ausgetobt und Deutschland vernichtet und gedemütigt zurückgelassen. Gottlob ist freilich auch die Tyrannei Hitlers gebrochen, der in seinem Größenwahn trachtete, sich Gott gleich zu machen. Wenn der Nationalsozialismus wirklich den Sieg davongetragen hätte, so wäre unendlich viel Elend und Grauen über Europa und vor allem über Deutschland hereingebrochen. So müssen wir in aller Trauer über usnere Gefallenen und über unsere in Ruinen liegenden Städte noch Gott danken, daß er uns so geführt hat. Gott helfe in seiner Gnade unserem zerschlagenen Vaterlande wieder zu einem Aufstiege!“

Hier verliert Gustavs kein Wort darüber, daß er oder gar die Kirche, der er diente, in irgendeiner Weise mitschuldig wurden an „Elend und Grauen“.

Der Kommentar ist so abgefaßt, als ob Arnold Gustavs der Hauptschuldige ist und die Kirche nachrangig daran beteiligt sei.

Doch zunächst ein paar Bemerkungen zum Titel dieser Schrift. Das Wort „Reichsgottesdienst“ war in der NS-Zeit kein gängiger Begriff. Wann und in welchem Zusammenhang er damals überhaupt gebraucht wurde, ist unklar. OG impliziert stillschweigend eine Assoziation zum NS-Regime, die sich so nicht nahelegt. Wahrscheinlich hat OG dieses Wort aus dem von Arnold Gustavs gebrauchten Begriff „Reichsgottesarbeit“(S.180) abgeleitet, womit eine sprachliche Assoziation etwa zur NS-Organisation „Reichsarbeitsdienst“ nahegelgt werden soll. Arnold Gustavs verwendet den Begriff „Reichsgottesarbeit“ als ein bereits vom Nationalsozialismus Enttäuschter in einem Brief vom 23. 12.1937 an seinen Superintendenten und meint damit seine kirchliche Arbeit. Die von OG vorgenommene Abwandlung in „Reichsgottesdienst“ verfälscht dieses Wort. Abgesehen davon ist er in der Verwendung in o.g. Titel falsch, denn einen „Reichsgottesdienst“ hat es auf Hiddensee nicht gegeben, weil Hiddensee kein Reich ist, und schon gar nicht in der Zeit von „1933 - 1945“, wie es weiter heißt. Der Untertitel „Arnold Gustavs - Inselpastor im Dritten Reich“ ist falsch. Arnold Gustavs war von 1903 bis 1948 Inselpastor auf Hiddensee. In diese Zeit fällt natürlich auch die NS-Zeit, aber er war nicht der „Inselpastor im Dritten Reich“. Das klingt so, als wäre er nur in dieser Zeit der Pastor gewesen.

Bereits im Titel werden erhebliche Mängel dieser Schrift deutlich, die sich durch mangelnde Geschichtskenntnis und fehlendes Urteilsvermögen auszeichnet. Wer erschrocken alte Schriften seines Großvaters zur Kenntnis nimmt, zeigt, daß er politisch irgendwie geschlafen hat und nun meint, in den Landpfarrern die Schuldigen am „Grauen und Leid“ gefunden zu haben.

Ziel dieser Schrift ist die Beweisführung für die Schuldthese, daß die Dorfgeistlichen mitschuldig waren.

„Ich war der Sache nicht lange nachgegangen, als mir deutlich wurde, daß das Verhalten von Arnold Gustavs in der NS-Zeit typische Züge trug. So oder ähnlich wie er verhielten sich sehr viele pommersche Pastoren,“

schreibt OG. Doch die Beweiskraft schwindet bereits bei der Feststellung, daß die Beweisführung an Hand der „seltenen Varietät des Inselpastors“ vorgenommen werden soll. Die erforderliche Allgemeingültigkeit der vorliegenden Materialien ist damit nicht gegeben. Außerdem werden so viele Dokumente zitiert, die mit der beabsichtigten Zielstellung dieser Schrift überhaupt nichts zu tun haben. Sie gehörten eher in eine ausführliche Biographie, die aber in dieser Schrift nicht vorliegt, denn über die umfangreichen wissenschaftlichen Arbeiten, die Arnold Gustavs zu einem international anerkannten Gelehrten machen, wird nur kurz in der Vita hingewiesen. Die Kommentare sind meist banal; da wird vielfach das wiederholt, was bereits im Zitat gesagt wurde, oder die Schlußfolgerungen sind falsch und oft so gehässig, daß sie schon von strafrechtlicher Relevanz sind. Jedenfalls fehlt eine kritische Schlußbetrachtung mit einer ausführlichen Beweiswürdigung.

Der methodische Mangel dieser Schrift besteht darin, daß das spezifische Nationalsozialistische nicht definiert und in den einzelnen herangezogenen Zitaten deutlich herausgearbeitet wurde. Derartige Äußerungen müssen sich vom normalen bürgerlichen Umgang abheben, um politisches und moralisches Fehlverhalten erkennbar zu machen. Auch der zeitgeschichtliche Hintergrund sowie die zeitliche Entwicklung des Nationalsozialismus werden nicht herausgearbeitet, vor dem sich das damalige Geschehen abspielte. So ziemlich alles, was gegen Arnold Gustavs als Assoziation zum Nationalsozialismus vorgeworfen wird, liegt im normalen bürgerlichen Rahmen und ist nicht zu beanstanden. Darin liegt der große methodische Mangel dieser Schrift, daß Äußerungen und Verhaltensweisen, die in Richtung NS weisen, nur vorgetragen werden, aber auf einen tadelnswerten Aspekt nicht hingewiesen wird, und auch nicht hingewiesen werden kann, weil es den nicht gibt. Dazu gehören Besuche von Parteiveranstaltungen der NSDAP oder Gespräche mit Funktionsträgern dieser Partei usw., weil das noch keine politische Wirksamkeit im Sinne des NS bedeutet. Das betrifft auch die Tätigkeit als Zellenwart der NS-Frauenschaft. Es gibt keine Dokumente, die eine Wirksamkeit im Sinne verwerflichen nationalsozialistischen Gedankenguts in dieser Tätgkeit belegen. Die angeführten Dokumente belegen vielmehr eine Entwicklung der nationalsozialistischen Ideologie von einer kirchenfreundlichen Position zu einer kirchenfeindlichen Haltung, die zu einem Konflikt mit den nationalsozialistischen Amtsträgern führt und eine baldige Entfernung von Arnold Gustavs aus seinem Amt als Zellenwart der NS-Frauenschaft zur Folge hat. Arnold Gustavs distanzierte sich dann ausdrücklich vom Nationalsozialismus, was er auch schriftlich im Memorabilienbuch der Kirche niederlegte. Das geschah bereits 1937, als das Hitlerregime noch eine breite Zustimmung in der Bevölkerung fand. Seitdem wurde Arnold Gustavs von der Gestapo observiert. Dieser Umstand wird von OG nicht herausgearbeitet und gewürdigt sondern dahingehend verfälscht, daß es Arnold Gustavs bedauert, nicht mehr vom Nationalsozialismus profitieren zu können.

Das genaue Studium der vorliegenden Materialien offenbart Arnold Gustavs als einen redlichen Mann mit integrem Charakter, der als aufrechter Antifaschist in den Widerstand ging und hier von seinem undankbaren Enkel und Universalerben in übler Weise verunglimpft und verleumdet wird.

Ganz allgemein muß zu den von OG getadelten kirchlichen Aktivitäten Anfang der dreißiger Jahre gesagt werden, daß es schon immer gängige Praxis war, die Regierenden und auch politische Ereignisse etc. in die Predigten und vor allem in die Fürbitten einzuschließen. Hierbei handelt es sich nicht um politische Agitationen sondern um einen theologischen Reflex auf die gegenwärtige allgemeine Stimmungslage. Sie finden statt im verfassungsrechtlich geschützten Raum der Religionsausübung und dürfen ohnehin nicht dem Pastor zur Last gelegt werden. Das trifft insbesondere auf die überlieferte Predigt von Arnold Gustavs anläßlich des ersten Jahrestages der Machtergreifung am 30. Januar 1934 zu. (OG, S. 104)

Man weiß nicht recht, wie man es nennen soll. Da findet ein Enkel auf dem Dachboden einen Koffer mit Schriften aus dem Nachlaß seines Großvaters. Das ist noch nichts Ungewöhnliches. Doch was macht er damit? Er entwirft im Eilverfahren - anders kann man es nicht nennen - ein Bild seines Großvaters, das ihn als großen Nazi denunziert, und stellt ihn als Paradebeispiel für das Verhalten der Kirche und ihrer Pastoren in der Nazi-Zeit dar, die einen wesentlichen Anteil an der Festigung des Nazionalsozialismus gehabt haben sollen.

Liest man die Originalbeiträge in der Schrift „Reichsgottesdienst ...“ von Owe Gustavs und läßt die Kommentare unbeachtet, dann erkennt man sehr bald, daß Arnold Gustavs nach einer anfänglichen positiven Sicht auf die neue Bewegung sehr bald die schweren Schatten erkannt hat und deutlich auf Distanz ging, und das bereits 1937.

Das ist durchaus nichts Ungewöhnliches gewesen, denn liest man die Biographien bedeutender Widerständler, dann haben diese oft „sich zunächst von den machtvollen Botschaften des Hitlerregimes haben mitreißen lassen und dann den Weg in den Widerstand“ gefunden. So lautet z.B. der Begleittext zum Buch von Silke Kettelhake über das Leben der Libertas Schulze-Boysen (Droemer 2008).

Es muß schon etwas dran gewesen sein an den Botschaften, die die Nazis anfangs ausgesendet haben, die sich dann aber so nach und nach als Täuschungen herausgestellt haben.

Arnold Gustavs war kein Politiker, ihm fehlte ganz offensichtlich der politische Instinkt, die Machenschaften um ihn herum richtig zu erkennen und zu deuten. So beruht seine Distanz zum Nationalsozialismus, auf die er 1937 ging, weniger auf einer tieferen Einsicht in das System sondern mehr auf unmittelbare unfreundliche Erlebnisse mit seiner Umwelt. So hat er zum Beispiel nicht mitbekommen, daß er in Ungnade gefallen war und deshalb ein Gottesdienst zum Erntedanktag 1936 gar nicht mehr in Frage kam. Auf diese Weise haben die Nazis dieses ausgesprochen kirchliche Fest für ihre Zwecke vereinnahmt und die Kirche ausßenvor gelassen.

Er hatte sich dann enttäuscht vom Regime abgewandt und blieb bis zu dessen Ende bei dieser Positon. Daß er damit in die Kategorie der Widerständler kam, war ihm auch nicht so bewußt geworden. Es sieht so aus, als habe er in seiner Haltung auch keine Mitstreiter gehabt. Es bestand also keine sogenannte Widerstandsgruppe, die dann die Abwehr auf sich gezogen hätte. Das hat ihn möglicherweise vor schärferen Verfolgungen bewahrt.

Nationalsozialistisches in pommerschen Kirchenblättern und dem Jahrbuch „Auslanddeutschtum und evangelische Kirche“ (OG S. 293 ff)

Das Einzige, das als „Beweismaterial“ gegen die Landpfarrer allgemein ins Feld geführt wird, ist der Anhang mit den Auszügen aus dem kirchlichen Schrifttum, mit denen gezeigt werden soll, daß sich die Kirchenleute mit dem Nationalsozialismus liiert haben. Doch diese Beweise sind nicht stichhaltig, weil durch die Gleichschaltung aller Medien, die im wesentlichen Mitte des Jahres 1933 abgeschlossen war, eine selbständige Meinungsäußerung der Kirche nicht mehr möglich war. Noch im Februar 1933 konnte im Evangelischen Gemeindeblatt für Stralsund der Satz stehen (OG S. 298): „Wir beanspruchen dem Staat gegenüber alle Selbständigkeit und sagen ihm, wenn es sein muß, auch den Kampf an;“ und im März heißt es auch (OG S.301): „Dazu gehört das Recht der freien Meinungsäußerung; sie muß freimütig sagen dürfen: Das ist nicht recht!“ Hier wird noch die Unabhängigkeit angemahnt, doch bereits Im Juli 1933 frohlockt das Blatt (OG S. 311), daß die Parteien ausgelöscht sind. Hier wirkt schon die Gleichschaltung durch, denn diese Äußerung entspricht nicht mehr der angemahnten freien Meinungsäußerung. Der Verfasser verkennt, daß jetzt auf Grund von Verordrnungen das NS-Regime aus dem Kirchenfenster schaut, womit diese Materialien keine Beweiskraft mehr haben. Unverständlich ist überhaupt, warum soviele Passagen zitiert wurden, die mit dem Nationalsozialismus eigentlich nichts zu tun haben. Im übrigen muß darauf hingewiesen werden, daß die Machtergreifung der Nationalsozialisten zumindest im Jahre 1933 von großen Teilen der Bevölkerung positiv empfunden wurde, denn das Ende der politischen Querelen und der Wirtschaftskrise, der Arbeitslosigkeit usw. wurde begrüßt. Für die Kirche war der Umstand sehr wichtig, daß nicht der atheistische Kommunismus sondern der sich zunächst kirchenfreundlich gebende Nationalsozialismus die Zügel in die Hand genommen hatte. So machte sich eine allgemeine Begeisterung für die Nationale Erneuerung breit, der sich anfangs auch Arnold Gustavs anschloß. Man erhoffte sich Wohlstand und Frieden verbunden mit einer Rehabilitation aus dem Vertrag von Versailles. Von dem „Grauen und Elend“, das nach OG (S. 11) die Kirche mitverschuldet haben soll, war ja damals nicht die Rede. Hitler hat stets vom Frieden gesprochen. Seine Kriegsziele waren streng geheim und nur ganz wenigen Eingeweihten bekannt. Es gibt deshalb keinen Grund Leute zu tadeln, weil sie den Täuschungen zum Opfer gefallen sind. Das gilt nicht nur für die Pastoren sondern für große Teile des deutschen Volkes.

Von den zitierten Schriften existierte das „Evangelische Gemeindeblatt für Stralsund“ nur bis März 1934. Die übrigen Schriftenreihen „Der Bote für die Pommersche Frauenhilfe“, das „Rügensche Kirchenblatt“ und „Auslanddeutschtum und evangelische Kirche“ existierten bis 1940 bzw. 1941. Der Hitler-Biograph Rafael Seligmann schildert die Situation im Jahre 1933 so: „Der ‘Tag der nationalen Erhebung’ von Potsdam und das folgende ‘Ermächtigungsgesetz’ zielten darauf ab, weitere Schichten des Bürgertums für die NS-Bewegung und ihren Führer zu gewinnen. Hitler hatte lernen müssen, dass bei den Deutschen Ordnung und Legalität Vorrang vor allem anderen besaßen. Auf dieses Bedürfnis - und auch das der Armee, der Staatsdiener und des Reichspräsidenten, nahm der NS-Anführer mit seiner legalistischen Taktik Rücksicht. Hitler warb mit Recht und Gesetz um die Deutschen - und hatte Erfolg.“ (Rafael Seligmann: Hitler - die Deutschen und ihr Führer, S. 136, Augsburg 2008). Und weiter schreibt er: „ Zu Beginn des Sommers 1933 schien die revolutionäre Phase der Gleichschaltung beendet. Adolf Hitler hatte die Deutschen vom Hader des Parteienstreits und der permanenten Eigenverantwortlichkeit, die unvermeidliche Begleiterscheinungen der Demokratie sind, befreit. Stattdessen hat er ihnen gegeben, wonach sie begehrten: eine legale Revolution. Die mentale Sicherheit, die Hitlers klare Herrschaftsstruktur vermittelte, überwog vereinzelte Bedenken. Nur wenige störten sich an der legalisierten Gewaltherrschaft. Was die meisten Deutschen als Ende ansahen, war für Adolf Hitler jedoch erst der Anfang.

Adolf Hitler verstand nach dem Zeugnis Hjalmar Schachts ‘von Wirtschaft gar nichts’. Doch er wusste, dass das Schicksal seiner Regierung, zumindest in der Anfangsphase, wesentlich von der Wirtschaftslage der Bevölkerung abhängig sein würde. Aller Terror, Pathos und Propaganda waren vergeblich, wenn es nicht gelang, die Menschen in Arbeit und Brot zu setzen. Deshalb gab er neben dem Machterhalt der Ökonomie Priorität. ...

Bereits am 1. Februar 1933 kündigte Hitler in einer Rundfunkrede zwei ‘große Jahrespläne’ an, mit deren Hilfe er das ‘große Werk der Reorganisation der Wirtschaft’ bewältigen wollte. Dabei nannte er zwei klare Ziele: ‘Binnen vier Jahren [muss] der deutsche Bauer der Verelendung entrissen [werden] ... und die Arbeitslosigkeit endgültig überwunden sein“. (Seligmann, a.a.O S. 138).

Aus der Vorbemerkung

„Ausgangs- und Mittelpunkt der so entstandenen Dokumentation ist folglich ein Landpastor - eine ‘Spezies’, über die Wolfram Pyta mit Blick auf die Weimarer Jahre sagte, sie sei sowohl in der profan- wie der kirchenhistorischen Forschung ein ‘unbekanntes Wesen’ geblieben, dem bisher wenig forscherische Beachtung zuteil geworden sei. Dieses Urteil läßt sich auf die NS-Zeit ausdehnen. Zumindest ist kaum gezielt untersucht worden, wie auch oder gerade nach dem 30. Januar 1933 Dorfgeistliche, gestützt auf ihre Amtsautorität, als traditionelle Leitfiguren ‘Werbeträger’ des Nationalsozialismus waren und auf dem Lande zur Akzeptanz und Festigung des Hitlerregimes beitrugen, vor allem in den entscheidenden ersten Jahren der Naziherrschaft. Die hier gegebene Darstellung des ’Falles Arnold Gustavs’ wirft ein Schlaglicht auf den ‘Dorfpastor im Dritten Reich’, oder, um genau zu sein, eine seltene Varietät desselben - den ‘Inselpastor’. (OG, S. 11)

Arnold Gustavs ist für die Untersuchung der Rolle der Landpfarrer im Dritten Reich denkbar ungeeignet. Das, was in dieser Schrift von und über Arnold Gustavs vorgetragen wird, ist so einmalig, daß es wohl kaum einen zweiten Landpfarrer - zumindest im hier betrachteten pommerschen Raum - gab, auf den die hier gewonnenen Erkenntnisse zutreffen könnten. Abgesehen davon, daß Arnold Gustavs ein Inselpastor war, derer es ohnehin nur wenige gab, ist er ein international bekannter Gelehrter gewesen, der darüber hinaus gute Beziehungen zu Schweden pflegte, und schließlich durch die Bedeutung von Hiddensee als bevorzugten Badeort einen regen Umgang mit bedeutenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Kultur pflegte. Insofern ist gerade dieser Pfarrer in seiner Einmaligkeit völlig ungeeignet, hier mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit seines Wirkens während der NS-Zeit in Betracht zu kommen.

Der Gedanke, die Landpfarrer hätten als „traditionelle Leitfiguren“ maßgeblich zur Festigung des NS-Regimes beigetragen, ist wirklich sehr naiv. Da sollen ein paar Gottesdienstbesucher und einige Leser der Kirchenblätter einen so großen politischen Einfluß ausgeübt haben! Das ist wirklich lächerlich. Wie die nationalsozialistischen Ideen unter das Volk gebracht wurden, schildert der auf Hiddensee ansässige Medizinalrat Erich Friedel in Briefen an Gerhart Hauptmann.

Die Hiddenseer „Friedhofskapelle“ und die Angst vor den verdammten Toten (OG S. 253)

OGs Stil, sich weitschweifig in Nichtigkeiten zu verlieren, macht es dem Leser schwer, den vermeintlichen Kern der Botschaft zu verstehen. Hier geht es jetzt um die Frage, wie weltliche Beerdigungen vollzogen werden können, wenn die Leichenhalle als Trauerhalle zu klein und auch nicht zulässig ist. Die Auffassung der Kirche, daß eine Aufbahrung eines kofessionslosen Toten in der Kirche nicht gewünscht wird, muß respektiert werden, weil die Kirche ihr Hausrecht ausübt. Ein Ausweg wäre der Bau einer weltlichen Trauerhalle. Wenn aber die politische Gemeinde sich dieser Frage nicht annehmen will, wäre ja noch die Möglichkeit eines Fördervereins zur Errichtung eines solchen Gebäudes. Aber anstatt diesen Gedanken zu verfolgen wird die Kirche attakiert. In einem Antwortschreiben des Oberkirchenratspräsidenten Aden in Schwerin an OG (S.258) verweist er auf das Vorhandensein christlicher Symbolik, die nicht mit Konfessionslosen verträglich sei. Nun kontert OG in seinem Kommentar, daß ja in der Leichenhalle ein Kreuz hinge, daß sogar beachtliche Maße habe. Nun, das Kreuz in der Leichenhalle läßt sich abhängen und beiseite legen. Darauf muß man aber erst mal kommen. Das entspricht der üblichen Praxis in anderen Trauereinrichtungen. Symbole - auch das Kreuz - sind ja nicht irgendwas, und niemand möchte unter Symbolen aufgebahrt sein, mit denen er nichts zu tun hat und nicht haben möchte. Die Leichenhalle läßt sich auf diese Weise neutralisieren, die Kirche aber nicht.

Die Pfarrkasse der Arier (S. 155)

Die Anfrage von Arnold Gustavs an den Superintendenten betrifft die Vergütung der Aufwendungen, die für die Erstellung von Stammbäumen an Hand der Kirchenbücher nötig sind. OG kommentiert das nun so:

„Gustavs bettelte hier um einen Judaslohn für die Kirche“.

Hier ist natürlich die Frage berechtigt, was OG hier unter ‘Judaslohn’ versteht. Dieser Begriff impliziert die Entlohnung für einen Verrat, wie ihn Judas an Jesus begangen hat und dafür Silberlinge erhielt. OG stellt diese Aussage in den Raum, ohne zu erklären, wer hier wohl verraten worden ist. Es gehört zu den Amtspflichten der Pastoren, über Eintragungen in den Kirchenbüchern Auskunft zu erteilen. Wer oder was wird hier verraten? Niemand! Die Anfragen kommen von Privatpersonen und die Antworten gehen an diese zurück. Daß der Hintergrund dieser Anfragen in der Ermittlung arischer Vorfahren besteht, hat die Kirche nicht zu vertreten. Abgesehen davon, daß auf Hiddensee solche Fälle kaum aufgetreten sein dürften, ist zu bedenken, daß eine Mitteilung an eine außenstehende Person oder Behörde kirchlicherseits nicht erfolgt ist, ist das Merkmal des Verrats, Informationen zum Schaden Dritter weitergegeben zu haben, nicht erfüllt.

Eine Fehldeutung, die an Gemeinheit kaum zu überbieten ist! Sie kennzeichnet aber sehr deutlich die verwerfliche Absicht, unseren Großvater als Nazi zu diffamieren.

Eine Fahnenpredigt von Arnold Gustavs (S. 155)

Die hier am 23. Februar 1936 in der Kirche zu Kloster gehaltene Predigt zur „Neuweihe der Kriegervereinsfahne“ ist im Grunde nicht zu beanstanden. Es ist nun mal kirchliche Praxis, die Regierenden in ihre Fürbitten mit einzuschließen. Daß „der Nationalsozialismus seine tiefsten und größten Gedanken dem Christentum entnommen hat“ und „die Partei sich auf dem Grund eines positiven Christentums aufbaut“, ist ein Irrtum, dem hier Arnold Gustavs unterliegt, aber er konnte es nicht besser wissen, weil „es schon im Programm der NSDAP steht“, zumal zunächst alles sehr verheißungsvoll aussah. Ein Jahr später sah er das alles schon ganz anders.

Auseinandersetzung um die Evangelische Frauenhilfe (S. 158)

Nach dem Rauswurf von Arnold Gustavs aus der N.S.V mit Schreiben vom 17.1.1936 gibt es einen Briefwechsel mit übergeordneten kirchlichen Stellen, in dem sich Arnold Gustavs über die Vorgehensweise gegen ihn beklagt und auch Unverständnis darüber zum Ausdruck bringt. Die auf den Seiten 158-164 zitierten Briefe sind an übergeordnete Stellen gerichtet. Im Schreiben vom 24.2.2916 vom Superintendenten ist vom „Kreisleiter der NSV“ die Rede, der sich mit der Sache befaßt hat. Da dies keine privaten Schreiben sind, betont er noch das „gute Verhältnis zwischen der Evangelischen Frauenhilfe zur Nationalsozialistischen Frauenschaft“ und fügt in den Briefen vom 2.2.1936 und vom 24.2.1936 am Schluß noch Loyalitätsbekundungen an, die folgenden Wortlaut haben:

„Zum Schluß muß ich noch darauf hinweisen, daß ich unbedingt hinter unserem Führer und auf dem Boden des Nationalsozialismu stehe.“ Und:

„Ich glaube, Herr Superintendent, ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, daß ich mit gutem Willen und aus Überzeugung hinter unserem Führer und auf dem Boden des Nationalsozialismus stehe.“

Das ist es schon wichtig, da „mir vorgeworfen wurde, daß ich gegen die N.S.D.A.P. arbeite“, ... „Denn gegen den schweren Vorwurf, ich arbeite gegen die N.S.D.A.P. , mußte ich mich nachdrücklich wehren; denn ein schwererer Vorwurf kann heute doch kaum einem Deutschen gemacht werden.“ (S. 163).

Arnold Gustavs steht hier unter starker Bedrängnis, und um ein wenig die Wogen zu glätten, fügt er diese Loyalitätsbekundungen in seine Briefe ein und mußte sich als linientreuer Volksgenosse zeigen, denn mit diesen Vorwürfen wäre er zum Staatsfeind erklärt worden, und er hätte sich möglicherweise im KZ wiedergefunden. Auf diese Umstände bezieht sich die Bemerkung von Berg in seiner Schulchronik:

„Die Nazis haben ja von vornherein eine Terrorherrschaft schlimmster Art ausgeübt.“

OGs Kommentar dazu lautet dann:

„In diesem ausführlichen Schreiben betont Gustavs ein weiteres Mal, daß die Evangelische Frauenhilfe offiziell mit der Nationalsozialistischen Frauenschaft ‘stets auf gutem Fuße gestanden hat’. Er verwahrt sich gegen den Vorwurf, er arbeite gegen die NSDAP. Die Differenzen mit dem Ortgruppenleiter sind Gustavs ‘tief schmerzlich’, da sie bisher ausgezeichnet miteiander gelebt und zusammengearbeitet hätten. Daß es wieder so werde, wünscht sich Gustavs sehnlich. Er beschließt das Schreiben an seinen Superintendenten (!) [sic] abermals mit einem politischen Credo: er stehe ‘mit gutem Willen und aus Überzeugung hinter unserem Führer und auf dem Boden des Nationalsozialismus’.“

Hier bemüht sich Arnold Gustavs mit seinen Loyalitätsbekundungen um Schadensbegrenzung. OG versteht offenbar deren Notwendigkeit nicht, und sieht darin ein ernsthaftes Bekenntnis. OG ist vermutlich in der DDR nie mit der Frage der Loyalität in Berührung gekommen. Er muß wohl stets mit den Beschlüssen von Partei (SED) und Regierung eines Sinnes gewesen sein, sonst hätte er den Großvater in seiner Not verstanden.

Bemerkenswert ist das Ausrufungszeichen hinter dem Wort ‘Superintendent’, um sein Unverständnis darüber zum Ausdruck zu bringen, daß man einen Brief an seine kirchlichen Vorgesetzten mit „Heil Hitler“ unterzeichnet.

Es gab damals die Vorschrift, daß alle irgendwie dienstlichen Schreiben mit dieser Formel oder „Mit deutschem Gruß“ zu unterzeichnen waren, und das galt natürlich auch für die Kirche, zumal diese Briefe weitergeleitet werden sollten. Arnold Gustavs tat es widerwillig und man hört förmlich die Zähne knirschen, wenn er schreibt: „Aber trotzdem und für immer: Heil Hitler!“, aber es blieb ihm nichts anderes übrig,

Daß für Arnold Gustavs die Gefahr, ins KZ zu kommen, real war, geht aus einem Brief von Frans Lindskog vom 28.5.1949 hervor, in dem dieser nochmal auf eine Äußerung aus dem Jahre 1938 zurückkommt: OG (S. 241) schreibt dazu:

„Es besteht kein Grund daran zu zweifeln, daß Gustavs bei seinem letzten Treffen mit Frans Lindskog in Schweden 1938 diesem gegenüber vertraulich Kritik am ‘Dritten Reich’ geäußert hat. Worin diese Kritik bestand, wird nicht gesagt. Gustavs verpflichtete damals seinen Freund Lindskog zum Schweigen, da er nicht ins Konzentrationslager wolle. Dennoch konnte er in seinem Reisebericht an das Kirchliche Außenamt 1938 schreiben, er habe in Schweden oft betont, daß die Geistlichen, die im Gefängnis oder im Konzentrationslager sitzen allermeist dort nicht um des Evangeliums säßen, sondern weil sie sich irgendwelche Übertretungen staatlicher Bestimmungen hätten zu Schulden kommen lassen.“

Aus dieser Bemerkung geht deutlich hervor, daß Geistliche im Gefängnis und im Konzentrationslager gesessen haben, was OG in Bezug auf die Hiddensee-Chronik von Berg als ‘irreführend’ (OG S. 261) bezeichnet. Es ist naheliegend, daß Arnold Gustavs dem kirchlichen Außenamt einen Reisebericht zu schreiben hatte, in dem er natürlich jede Kritik vermeiden mußte.

Im übrigen stellt sich OG mit der Bemerkung: „Worin diese Kritik bestand, wird nicht gesagt,“ dumm. Sonst weiß OG immer alles besser, denn nach all den geschilderten Querelen mit den Nazis, liegen die Gründe auf der Hand. Erinnert sei an seine Kritik an der Hiddensee-Chronik von Lehrer Berg.

Arnold Gustavs über seine NS-Vergangenheit (S. 237)

Es gibt nur wenige Dokumente, in denen sich Arnold Gustavs zu seiner NS-Vergangenheit äußert. In die Hiddenseer Kirchenchronik schrieb er nach dem Krieg:

Nun hat der Krieg ausgetobt und Deutschland vernichtet und gedemütigt zurückgelassen. Gottlob ist freilich auch die Tyrannei Hitlers gebrochen, der in seinem Größenwahn trachtet, sich Gott gleich zu machen. Wenn der Nationalsozialismus wirklich den Sieg davongetragen hätte, so wäre unendlich viel Elend und Grauen über Europa und vor allem Deutschland hereingebrochen. So müssen wir inaller Trauer über unsere Gefallenen und über unsere in Ruinen liegenden Städte noch Gott danken, daß er so geführt hat. Gott helfe in seiner Gnade unserem zerschlagenen Vaterlande zu neuem Anfange!

Hier verliert Gustavs kein Wort darüber, daß er oder gar die Kirche, der er diente, in irgendeiner Weise mitschuldig wurden an ‘Elend und Grauen’.“

Nun muß diese Anhäufung von Unsinn erst einmal sortiert werden. Da wird zunächst unterstellt, daß Arnold Gustavs mitschuldig wurde an Grauen und Elend, und zwar vorrangig. Mit der Formulierung „oder gar die Kirche“ wird diese in den hinteren Rang der Verantwortung versetzt. Da fragt man sich, was Arnold Gustavs für eine Rolle in der Nazizeit gespielt haben könnte. Die Äußerung von Arnold Gustavs bezieht sich auf ganz Deutschland und das Grauen und Elend, auf das sich OG bezieht natürlich auch und damit auch die Mitschuld, derer Arnold Gustavs bezichtigt wird. Da müßte er schon ein über der Kirche stehender naher Gefolgsmann von Hitler gewesen sein, um ihn so beurteilen zu können.

Aber nicht nur dem Pastor Arnold Gustavs sondern der Kirche insgesamt wird eine Mitschuld am Krieg attestiert, die die Kirche natürlich leugnet, so OG auf S. 245. So wie dem Pastor als traditionelle Leitfigur ein so großer Einfluß zugeschrieben wird, daß sich ganze politische Parteien dank des Dorfgeistlichen etablieren und festigen können, so ist seine Vorstellung von der Kirche insgesamt, daß sie gewissermaßen über Krieg und Frieden mitentscheiden kann. Will man auf eine Mitschuld erkennen, dann müßte eine Mitwirkung am Krieg vorhanden gewesen sein, aus der man ein schuldhaftes Verhalten herleiten könnte. Nun wird ja ein Krieg bekanntermaßen mit Waffen geführt, die Tod und Vernichtung verursachen. Das Instrumentarium der Kirche besteht aber nur aus dem gesprochenen bzw. geschriebenen Wort. Ersteres wird in den Gottesdiensten oder in kirchlichen Veranstaltungen zu Gehör gebracht. Letzteres wird im Gemeindeschriftum mitgeteilt. Bleiben wir bei letzterem. Zum Gemeindeschriftum gehörte z.B. „Der Bote für die Pommersche Frauenhilfe“. Auf S. 333 wird die Anzahl der bezogenen Exemplare genannt. Das waren 1936 21 und 1941 11 Exemplare. Das ist gegenüber dem Propagandaapparat der Nationalsozialisten, der alle Medien beherrschte, eine verschwindende Anzahl. Dennoch hat nach OG die Kirche an der Festigung des Nationalsozialismus auf Hiddensee maßgeblich mitgewirkt und schreibt auf S. 333:

„Es wiegt deshalb um so schwerer, daß ‘Der Bote für die Pommersche Frauenhilfe’, für dessen Verbreitung auf Hiddensee Gustavs sorgte, NS-Ideologie propagierte und den NS-Staat sowie Hitler bejahte, wenn nicht bejubelte. ‘Der Bote für die Pommersche Frauenhilfe’ wird viel zur Akzeptanz des Nationalsozialismus unter den Hiddenseern bzw. (vor)pommerschen Frauen beigetragen haben, zumal das, was sie dort lasen, durch die Autorität der Kirche gestützt war.“

Nach dem, was OG hier schreibt, hat Arnold Gustavs mit einer Handvoll nicht verfügbarer Exemplare eine so ungeheure Wirkungen erzielt. Schließlich existierten auf Hiddensee höchsten 21 Exemplare, die bei den Abonnenten landeten. Es gab da überhaupt nichts zu verbreiten. Dann werden zum Beweis auf den Seiten 334, 335, 362, 363 die Titelseiten des Boten und auf den Seiten 339 und 341 Geburtstagsglückwünsche für Adolf Hitler wiedergegeben. Das, was die Leute im ‘Boten’ lasen, stand in allen anderen Zeitungen auch, und, was die Autorität der Kirche betraf, so wurde diese doch systematisch untergraben. Hieß es anfangs noch, der Nationalsozialismus basiere auf dem positiven Christentum, so las man 1938 im ‘Boten’:

„Ein Natioanalsozialist kann nicht Christ sein, sagten viele, darum müßt ihr euch entscheiden für das eine oder für das andere, beides zugleich ist unmöglich.“ (OG S. 340)

Die Kirche stand nun vor der schwierigen Aufgabe eine tragfähige Lösung zu finden, um nicht gänzlich ausgeschaltet zu werden. Im ‘Boten’ heißt es dann weiter:

„Weil wir auf der einen Seite die Großtat des Führers und das Dritte Reich bejahren und auf der anderen Seite Christen sein und bleiben wollen, müssen wir aus der Spannung eine Lösung suchen.“

Absurd der Gedanke, der Nationalsozialismus bedurfte der Kirche, um sich zu etablieren. Anzumerken wäre hier, daß spätestens bis Mitte 1933 alle Medien gleichgeschaltet wurden, so daß selbständige Gestaltungen und Mitteilungen nicht mehr möglich waren. Auch sei auf das Ermächtigungsgesetz vom 23. März 1933 hingewiesen, mit dem Hitler völlige Handlungsfreiheit eingeräumt wurde. OG sollte sich mal lieber vor Augen führen, wie gering der Einfluß der Kirche ist, um ihre eigentliche Botschaft wirksam unter die Leute zu bringen. Er selbst hat sich doch mit seinem Kirchenaustritt dem Einfluß der Kirche entzogen und läßt sich von ihr nichts sagen, und dann soll die Kirche wieder so einen großen Einfluß haben, daß sie am Krieg mitschuldig werden konnte.

Im übrigen ist es journalistische Praxis, den Regierungschef, denn das war nun mal Hitler, in ihren Schriften großformatig abzubilden und zu Geburtstagen mit Glückwünschen zu beehren. Da führte kein Weg dran vorbei, und auch das Gemeindeschriftum hatte sich daran zu halten. Insofern sind solche Wiedergaben kein Ausdruck für die ideologische Position der Kirche. Im übrigen war das, was im „Boten“ stand, nur ein schwacher Abglanz dessen, was in anderen Zeitungen und Zeitschriften stand.

Welche Schwierigkeiten die Kirche letztlich hatte, schildert Lehrer Heinrich Berg in seiner Chronik (OG S.265 f):

„Ein übles Kapitel der Nazizeit ist der Kampf gegen die Kirche und von diesem Kampf, der in der gemeinsten Weise geführt wurde, haben wir auf Hiddensee etwas gespürt. Zunächst hielten sich die Nazis in dieser Beziehung zurück und man versuchte ein gutes Verhältnis herzustellen zu dem Zweck, auch die Kirche vor ihren Karren zu spannen. Im Zuge der Gleichschaltung wurden die kirchlichen Körperschaften aufgelöst, damit eine Reihe von Parteigenossen in den Gemeindekirchenrat und die kirchliche Gemeindevertretung eintreten konnten. Dieses gute Verhältnis dauerte aber nicht lange. Gerade ein großer Teil der Geistlichkeit hatte, wenn auch etwas spät, den wirklichen Charakter des Nationalsozialismus eingesehen, und als sie es mit der Würde ihres Amtes nicht mehr vereinbaren konnten, daß sie sich für die Bewegung einspannen lassen mußten, da war es vorbei. Es soll hier rühmend anerkannt werden, daß es gerade viele Geistliche beider Konfessionen waren, die dann auch nach der Machtübernahme offen gegen den Nationalsozialismus Stellung nahmen. Sie haben ihren Mut und ihre Überzeugungstreue teuer bezahlen müssen. Viele haben ins Konzentrationslage müssen. Auch von ihnen sind viele nicht wieder zurückgekehrt.

Unter Führung des Ortsgruppenleiters Mann setzte auch auf Hiddensee eine Propaganda gegen die Kirche ein. Die dem Gemeindekirchenrat angehörenden Parteigenossen mußten ihr Amt niederlegen. Frauen, die der NS-Frauenschaft beigetreten waren, wurden gezwungen, aus der Evangelischen Frauenhilfe auszutreten. Dem Kriegerverein, den man in Kriegerkameradschaft umgetauft hatte, wurde verboten, am Volkstrauertag oder bei anderen Gelegenheiten gemeinschaftliche Kirchgänge wie früher zu veranstalten. Wenn der Kriegerverein einen toten Kameraden zur letzten Ruhe geleitete, so mußte der Fahnenträger mit der Fahne während der Trauerfeier in der Kirche draußen bleiben. Natürlich konnte es sich der Ortsgruppenleiter nicht versagen, bei jeder Gelegenheit in unflätiger Weise gegen Religion und Kirche zu hetzen. Ein dauernder Ärger war es für ihn, daß die Hiddenseer mit wenigen Ausnahmen zur Kirche hielten. Wenn an hohen Festtagen oder bei besonderen Gelegenheiten ein größerer Kirchenbesuch zu erwarten war, dann machte dieser Lump sich vor dem Gottesdienst in der Nähe der Kirche zu schaffen, um genau feststellen zu können, wer es wagte, noch zum Gottesdienst zu gehen. Natürlich versuchte er auch, auf Hiddensee eine Kirchenaustrittsbewegung in Gang zu bringen. Er selber trat natürlich aus der Kirche aus und ließ sein Kind auch nicht zum Konfirmandenunterricht gehen. Zum Lobe der Hiddenseer Bevölkerung sei aber gesagt, daß er mit seinen Bemühungen, andere zum Kirchenaustritt zu bewegen, wenig Erfolg hatte.“

Hinter dieser allgemeinen Ablehung des Nationalsozialismus seitens der Kirche auf Hiddensee stand natürlich der Pfarrer Arnold Gustavs, der hier in der von OG beschworenen Rolle als „traditionelle Leitfigur“ positiv gewirkt hat, auch wenn Heinrich Berg ihn nicht namentlich genannt hat.

Zunächst muß geklärt werden, was OG unter ‘NS-Vergangenheit’ versteht. Daß Gustavs ‘anfangs große Hoffnungen auf den Nationalsozialismus gesetzt’ hat, ist ja nicht tadelnswert. Jedem sei das Recht, Hoffnungen auf neue politische Tendenzen zu setzen, zugestanden. Daß Hoffnungen enttäuscht werden können, gehört nun mal auch zum Leben. Und daß er in guter Hoffnung sich in der NSV engagiert hat, kann man ihm auch nicht übel nehmen. Daß er dort nun verwerfliches nationalsozilistisches Gedankengut verbreitet hat, wird nicht berichtet. Also, was soll man da unter ‘NS-Vergangenheit’ von Arnold Gustavs verstehen?

In einem Brief an seinen Superintendenten vom 2.6.1946 schreibt Arnold Gustavs:

„Vor einiger Zeit bin ich von der GPU, die auf Hiddensee war, verhört worden. Nun liegt gegen mich nicht das Geringste vor, da ich der NSDAP nicht angehört habe; auch meine Frau und Tochter waren nicht in der Frauenschaft. Ich habe mich sogar von allen Parteiveranstaltungen ostentativ ferngehalten. Daraufhin hatte mich der Ortsgruppenleiter R. Mann bei der Gestapo angezeigt, die mich hat beobachten lassen.“

Und auf der folgenden Seite zitiert OG einen ähnlichen Brief vom 3.6.1946 an die Kreispolizei Bergen:

„Von dem Verdacht, dass ich Faschist sein könnte, bin ich frei. Ich selber [habe] nicht der Partei angehört; auch war[en] meine Frau und Tochter nicht in der Frauenschaft. Den Besuch von Versammlungen der NSDAP habe ich ostentativ vermieden. Für dies Verhalten bin ich vom Ortsgruppenleiter Robert Mann jahrelang verfolgt worden; er hat mir meine blühende Evangelische Frauenhilfe zerstört und meinen ebenso blühenden Posaunenchor vernichtet. Außerdem hat er mich, wie aus jetzt gefundenen Akten hervorgeht, bei der Gestapo angezeigt und mich im Auftrage der Gestapo dauernd beobachtet.“ (OG S. 238)

Arnold Gustavs war ab 1937 in den Widerstand gegangen, wie er berichtet. Er war also ein Widerstandskämpfer, denn sich den Anordnungen der Nazis zu widersetzen und sei es nicht der Anordnung zu folgen, die ‘Gemeinschaftsempfänge’ und andere Veranstaltungen zu besuchen, war schon ein Kampf, den man durchstehen mußte. Allerdings war sich Arnold Gustavs dieser Rolle nicht bewußt, weil diese Klassifizierung erst nach dem Ende des NS-Zeit bekannt wurde. Das mußte ihm der russische Offizier erst sagen.

OG kommentiert dann diesen Passus mit den Worten:

„Hier stellt sich Gustavs dar als ein jahrelang Verfolgter, der ’gegen den Faschismus gekämpft’ hat. Er möchte, was den Faschismus betrifft, mit keinem ‘Makel’ behaftet sein.“

OG tut hier so, als ob das nicht zutreffen würde. Mit diesen Worten verhöhnt er ihn gewissermaßen. Von 1938 bis 1945 hat Arnold Gustavs seiner Gemeinde ein Beispiel für den Widerstand gegeben. Allerdings war er - und das zum Glück - allein in dieser Sache. Hätte sich eine Gruppe gebildet, dann wäre es ihm und seiner Gruppe bestimmt schlechter ergangen. Immerhin hat er seine Kirchengemeinde im Wesentlichen zusammenhalten können.

Zerstörte Illusionen (OG S.180)

Hier sei auf ein Deutungskunststück von OG hingewiesen. Er zitiert zunächst einen Brief von Arnold Gustavs vom 23. Dezember 1937 an seinen Superintendenten, in dem es u.a. heißt:

„Es gibt auch die Möglichkeit, dass die ‘unten’ nur ausführen, was ihnen geheim als Marschrute vorgeschrieben wird. Denn es liegt System in der Sache, auch insofern als es Schritt für Schritt gegen Kiche und Christentum geht.“

OGs Kommentar dazu:

„Dieser Brief markiert eine Zäsur in Gustavs’ Haltung zum Nationalsozialismus. Gustavs hatte gehofft, der natioanalsozialistische Führerstaat würde der Kirche eine ‘Hülfe’ bei ihrer ‘Reichsgottesarbeit’ sein, d .h. der Kirche (noch) größere Einflußmöglichkeiten einräumen, als sie in die Weimarer Republik hatte. Da die Hilfe jetzt ausbleibt, ist er enttäuscht. Resignierend schreibt er in der Hiddenseer Kirchenchronik:

Ich hatte anfangs große Hoffnungen auf den Nationalsozialismus gesetzt, zumal im Programm der N.S.D.A.P. ja steht, daß die Partei sich auf dem Fundament eines positiven Christentums aufbaue. Es ging auch anfangs alles ganz verheißungsvoll.

....

So hatte ich nicht nur große Hoffnungen auf den Natioanalsozialismus gesetzt, sondern mich auch nach Kräften bemüht, die Lage zum Bau des Reiches Gottes zu nutzen. Nie in meinem Leben sind mir Hoffnungen gründlicher zerstört worden.“

Und OGs abschließender Kommentar lautet:


“Gustavs wollte demnach die von ihm offenbar als günstig eingeschätzte ‘Lage’ (Hitlers Machtergreifung) ‘nutzen’, wie er schreibt, und zwar zu nichts Geringerem als dem ‘Bau des Reiches Gottes’, oder - um es nicht theologisch verbrämt, sondern direkt zu sagen - dem Ausbau kirchlicher Macht.“

Das ist natürlich Unsinn, denn auf die ‘Hülfe’ konnte er verzichten, die hatte er in der Weimarer Republik auch nicht. Enttäuschend waren für ihn die nach und nach einsetzenden Feindseligkeiten gegen die Kirche (Zerstörung der Evangelischen Frauenhilfe, Vernichtung des Posaunenchores) .

OG läßt natürlich hier die Frage, was er sich unter ’kirchlicher Macht’ vorstellt, offen. Oder was er sich unter dem ‘Reich Gottes’ vorstellt, an dessen Bau Gustavs so interessiert war und was ein wie auch immer geartetes Machtinstrument sein soll. Freilich freut sich ein Pastor, wenn seine Veranstaltungen regen Zuspruch finden, aber das war es dann aber auch. Die Macht lag damals in den Händen der Nationalsozialisten, die sie gezielt gegen die Kirche einsetzten. Der Kirche blieb nur die Ohnmacht.

Aus der Hiddensee-Chronik von Lehrer und Kantor Heinrich Berg (S. 261)

Über die Parteiversammlungen schreibt Heinrich Berg in der Schulchronik (OG S. 262):

„Ja, es kam Leben in die Bude. Unter den Veranstaltungen der Partei nahmen die Gemeinschaftsempfänge eine besondere Stellung ein . Wenn Hitler selber oder einer seiner Oberbonzen sich hören ließ, dann wurde die ganze Bevölkerung zusammengetrommelt. Die Nazis haben ja von vornherein eine Terrorherrschaft schlimmster Art ausgeübt. Deshalb mußte zu diesen Gemeinschaftsempfängen jeder erscheinen. Von dem Ortsgruppenleiter und seinen Kreaturen wurde genau aufgepaßt, wer etwa gewagt hätte, nicht anwesend zu sein.“

Liest man den einleitenden Kommentar von OG zur Hiddensee-Chronik von Heinrich Berg, wird man stuzig. Da schreibt OG doch (S. 261):

„In Bergs Hiddensee-Chronik, die den Zeitraum vom Ende des Ersten Weltkrieges bis April 1946 umspannt, finden sich viele äußerst wichtige Informationen über die NS-Zeit. Man muß aber beim Lesen dieser Chronik daran denken, daß sie kein Dokument der NS-Zeit ist, sondern ein Dokument aus den ersten Nachkriegsjahren. Obgleich Heinrich Berg von Anfang an kein Nationalsozialist war und als Lehrer nur genötigt der NSDAP beitrat blieb er doch - zumindest in den ersten Jahren der Hitlerherrschaft - nicht unbeeindruckt von der NS-Propaganda. Daraus resultiert ein gewisser Rechtfertigungsdruck, unter dem Berg beim Schreiben der Kapitel über die NS-Zeit offensichtlich stand, und sein überdeutliches Bemühen, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Das zeigt sich schon am Anfang der im folgenden wiedergegebenen anschaulichen Schilderung der ‘Gemeinschaftsempfänge’ und Versammlungen. Dort heißt, die Nazis hätten ‘von vornherein eine Terrorherrschaft schlimmster Art ausgeübt.’ (auf Hiddensee!), weshalb jeder zu den Gemeinschaftsempfängen erscheinen mußte. Aus den wirklichen Zeitdokumenten ergibt sich ein anderes Bild. Arnold Gustavs z.B. ist nicht wegen irgendeines Terrors zu derartigen Veranstaltungen gegangen und für viele andere, wenn nicht die meisten, wird das gleiche gelten. Berg widerspricht sich auch, wenn er dann weiter schreibt, das ‘alles’ gespannt den großen Rednern der Partei gelauscht und ein Teil die Phrasen sogar wie ein ‘wahres Evangelium’ aufgenommen habe. So verhalten sich keine Leute, die man mit Terror ‘schlimmster Art’ gezwungen hat. Auch Bergs Bemerkung, auf den von den Nazis veranstalteten Festen (z.B. im Gasthof ‘Heiderose’) sie ‘niemals’ eine rechte Feststimmung aufgekommen, trifft sicher nicht zu. Irreführend, wenn auch erklärlich, ist Bergs Behauptung, daß es ‘gerade viele Geistliche beider Konfessionen’ gewesen seien, die nach der Machtergreifung ‘offen gegen den Nationalsozialismus Stellung nahmen’ und deswegen ins Konzentrationslager mußten. Es ist auch bezeichnend, daß Berg, der in seiner Chronik sonst durchaus konkret ist und ein gutes Gedächtnis beweist, an dieser Stelle merkwürdig allgemein, fast phrasenhaft schreibt. Der Name des Pastors Arnold Gustavs wird überhaupt nicht erwähnt, obgleich dies mehr als nahe gelegen hätte. Er wollte ganz offensichtlich die Kirche und den Pastor schonen.“

Ja, was soll man dazu sagen. Da wird der Aussagewert der Hiddensee-Chronik von Berg, in der ‘sich viele äußerst wichtige Informationen über die NS-Zeit’ befinden, einfach in Frage gestellt, weil Berg beim Schreiben offensichtlich unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck stand! Wofür mußte sich denn Berg rechtfertigen und wem gegenüber? Berg hatte unter dem Naziregime gelitten und war nun froh, daß diese schlimme Zeit vorbei war. Als Beweis wird der oben ziteirte Bericht über die ‘Gemeinschaftsempfänge’ ins Feld geführt, der nach OGs Meinung völlig falsch sein soll.

Der Passus „die Nazis hätten ‘von Vornherein eine Terrorherrschaft schlimmster Art ausgeübt.’ (auf Hiddensee!)“ wird von OG so verstanden, daß der Terror auf Hiddensee ausgeübt wurde. Berg bezieht diese Feststellung auf ganz Deutschland und meint damit die KZ und die Hinrichtungen. So etwas gab es natürlich auf Hiddensee nicht, aber das war auch auf Hiddensee bekannt, und die Leute waren eingeschüchtert. Dann muß gesagt werden, daß diese Verhältnisse nicht von Anfang an so waren, sondern sich so nach und nach entwickelt haben. Arnold Gustavs ist in den drei Anfangsjahren zu solchen Veranstaltungen gegangen, was auch nicht tadelnswert ist. Als er sich 1937 vom Nationalsozialismus distanziert hatte, ging er nicht mehr hin. Die sogenannten ‘Gemeinschaftsempfänge’ waren Rundfunksendungen, die in den großen Sälen über ein Radiogerät zu hören waren, und zu denen jeder hingehen mußte, was dann auch kontrolliert wurde. Berg bezieht sich dabei auf die spätere Zeit und nicht auf die Anfangszeit, als noch alle freiwillig hingingen. OG bringt hier die Zeitabschnitte mit ihren Verhältnissen durcheinander. Sein Fernbleiben von solchen Veranstaltungen erwähnt Arnold Gustavs so:

„Den Besuch von Versammlungen der NSDAP habe ich ostentativ vermieden. Für dies Verhalten bin ich vom Ortsgruppenleiter Robert Mann jahrelang verfolgt worden; er hat mir meine blühende Evangelische Frauenhilfe zerstört und meinen ebenso blühenden Posaunenchor vernichtet. Außerdem hat er mich, wie aus jetzt gefundenen Akten hervorgeht, bei der Gestapo angezeigt und mich im Auftrage der Gestapo dauernd beobachtet.“

Wenn also wieder eine derartige Veranstaltung stattfand, dann verschwanden seine Frau und Tochter auf Schleichwegen in die Berge, während er selber auf der Dorfstraße spazieren ging, was dann von Robert Mann bei der nächsten Gelegenheit entsprechend gewürdigt wurde:

„Da gibt es Leute, die gehen in die Kirche, und wenn Gemeinschaftsempfang ist, dann gehen sie auf der Dorfstraße spazieren!“

Das war also das ‘ostentative’ (betont auffällige) Fernbleiben von Arnold Gustavs (mündlicher Bericht meiner Großmutter). Als nicht Dabeigewesener stellt OG oberschlau fest:

„So verhalten sich keine Leute, die man mit Terror ‘schlimmster Art’ gezwungen hat. Auch Bergs Bemerkung, auf den von den Nazis veranstalteten Festen (z.B. im Gasthof ‘Heiderose’) sei ‘niemals’ eine rechte Feststimung aufgekommen.“

Den Passus von OG:

„Irreführend, wenn auch erklärlich, ist Bergs Behauptung, daß es ‘gerade viele Geistliche beider Konfessionen’ gewesen seien, die nach der Machtergreifung ‘offen gegen den Nationalsozialismus Stellung nahmen’ und deswegen ins Konzentrationslager mußten.“

OG leugnet hiermit die Tatsache, daß es viele Geistliche gab, die sich so verhielten. Den Namen Martin Niemöller erwähnt OG sogar auf S. 192, und daß er im Konzentrationslager war. Daß diese Aussage richtig sein könnte bestreitet er.

Schließlich beendet OG seinen einführenden Kommentar mit der Bemerkung:

„Der Name des Pastors Arnold Gustavs wird überhaupt nicht erwähnt, obgleich dies mehr als nahe gelegen hätte. Er wollte ganz offensichtlich die Kirche und den Pastor schonen.“

Das heißt, Berg hätte sich hier negativ über den Pastor äußern müssen. Er übersieht ganz offensichtlich den Bericht von Berg über die ‘Kirche’ auf S.265, in dem er über das positive Verhalten der Kirche schreibt:

„Zum Lobe der Hiddenseer Bevölkerung sei aber gesagt, daß er [ R. Mann] mit seinen Bemühungen, andere zum Kirchenaustritt zu bewegen, wenig Erfolg hatte.“

Hinter dieser allgemeinen Ablehung des Nationalsozialismus seitens der Kirche stand natürlich der Pfarrer Arnold Gustavs, der hier in der von OG beschworenen Rolle als „traditionelle Leitfigur“ positiv gewirkt hat, auch wenn Heinrich Berg ihn nicht namentlich genannt hat.

Schlußbetrachtung

Zusammenfassend muß gesagt werden: OGs Buch macht handwerklich einen guten Eindruck und verrät auch viel Fleiß. Er findet jeden Schreibfehler und bemängelt sprachliche Unkorrektheiten. Auch recherchiert er die entlegensten Textstellen. Aber wenn es um den großen Überblick geht, dann versagt er. Er ist nicht in der Lage, die Inhalte von gelesenen Texten richtig zu erfassen, Zusamenhänge zu erkennen und zu beurteilen. Es mangelt ihm an der Fähigkeit, logisch zu denken. Da bleibt er in seinem Vorurteil befangen, daß die Kirche und ihre Pastoren mitschuldig sind am Grauen und Elend, obwohl er ständig Texte zitiert, die das Gegenteil beweisen. Ihm fehlen auch historische Kenntnisse, um eine Vorstellung von den damaligen Verhältnissen zu bekommen.

Es handelt sich um ein Musterbeispiel für die unverstandene Lektüre zeitgeschichtlicher Dokumente, die falsche Deutung deren Inhalte, fehlende historische Kenntnisse, Unfähigkeit logische Zusammenhänge zu erkennen, Verfälschung zeitgenössischer Berichte, boshafte Unterstellung verwerflicher Tatbestände, ignorieren vorbildlichen Verhaltens und vieles mehr.

Für alle diese aufgeführten Tatbestände gibt es Beispiele in diesem Buch. Wegen der Fülle des vorliegenden Materials ist es für den Leser schwer, diese Umstände bei der Lektüre zu erkennen. Hinzu kommt mangelnde Unterrichtung über die Nazi-Zeit in den Schulen, dadurch Unvermögen, die damaligen Verhältnisse nachzuvollziehen.

Insgesamt eine unwürdige Schrift ohne wissenschaftlichen Wert eines inkompetenten Herausgebers.