Arnold Gustavs

ein Lebensbild

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Rezension von Irmfried Garbe

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Gustavs, Owe, Reichsgottesdienst auf Hiddensee 1933-1945. Arnold Gustavs – Inselpastor im Dritten Reich. Nationalsozialistisches in pommerschen Kirchenblättern und dem Jahrbuch „Auslanddeutschtum und evangelische Kirche“. Eine Dokumentation (Dokumente zur Geschichte Hiddensees; 2), zweite durchges. Aufl., Edition Andreae Berlin 2008, 459 S. + ca 15 Abb.; ISBN: 978-3-939804-41-3.

Owe Gustavs, der Enkel des evangelischen Pfarrers und Orientalisten Lic. Arnold Gustavs (1875-1956), hat den großväterlichen Nachlass zum Gegenstand einer historischen Streitschrift gemacht. „Weil sich die Kirche, speziell die pommersche, wenn überhaupt, nur widerstrebend über ihre NS-Vergangenheit äußert, wurde die vorliegende Arbeit geschrieben.“ (S. 18) Formal nimmt der Autor für seine Studie die Gattung „Dokumentation“ in Anspruch. Gestützt auf handschriftliche Texte Arnold Gustavs’, der von 1903 bis 1948 evangelischer Pfarrer von Hiddensee war, durch Forschungen zur altorientalischen Literatur bekannt wurde und intensive Beziehungen nach Schweden unterhielt, soll nach Intention des Verfassers „die nationalsozialistische Vergangenheit eines Pfarrers“ und dessen Beitrag „zur Akzeptanz und Festigung des Hitlerregimes“ auf dem Lande (S.11) und im skandinavischen Ausland demonstriert werden. Der Autor meint in Pastor Gustavs einen exemplarischen „Dorfgeistlichen“ zu finden, dem „stellvertretend für das Gros seiner Amtsbrüder“ (S.11) – und generalisierbar für diese „traditionellen Leitfiguren“ des ländlichen Milieus – eine entscheidende, politische Beihilfe als „’Werbeträger’ des Nationalsozialismus“ zur Last gelegt werden könne.
Hauptgegenstand der weitgehend auf die Jahre 1933-1945 konzentrierten Darstellung sind ausgewählte Predigten, Berichte, Amtsbriefe und Kalender Gustavs, die sein Enkel aus dem Stenogramm ediert und in der gesuchten Tendenz kommentiert. Über die Prinzipien seiner Textauswahl erfährt der Leser eher indirekt; spannend war offenbar alles, was in den Augen des Editors politisch-moralische Belastungsmomente enthält. Flankiert wird diese methodisch fragwürdige, ihre Vorannahmen, Behauptungen und Präjudizierungen nicht reflektierende und darum hobbyhistorische Demonstration durch Auszüge aus vier kirchlichen Presseorganen (S. 293-426), deren medienpolitische Verbindung zum Hiddenseer Pfarrer mehr postuliert, als belegt wird. Dass in dieser subjektiven Presseschau manches zu Tage kommt, das erschrecken kann, steht außer Frage. Zur Debatte hätte aber stehen und vom Autor auch geklärt werden müssen, was mit dem Begriff „Nationalsozialistisches“ bezeichnet sein soll und mit welchem relativen Recht diese Terminologie den auszugsweise zitierten Organen attestiert oder subsumiert werden kann. Das Sachanliegen einer Personaldokumentation ist mit diesem zweiten Teil des Buches ohnehin bereits verlassen. Doch hält der Autor den pressegeschichtlichen Ausflug für konstitutiv für seine leitmotivische Belastungs-These. „Vor allem die Passagen aus den drei pommerschen Kirchenblättern illustrieren, wie Superintendenten und Pastoren [die Autorschaften klärt Owe Gustavs jedoch nur für einen Teil seiner Quellenauszüge!] auf das Kirchenvolk einwirkten, um es im Glauben an den Nationalsozialismus und den ‚Führer’ zu bestärken oder doch wenigstens zur ‚Loyalität’ gegenüber dem NS-Staat anzuhalten.“ (S.12) Aus der Art seiner Auswahl und Kommentierung wird deutlich, dass der Presseteil als Verschärfung der Leitthese fungieren soll: nicht nur der Großvater, sondern die evangelischen Amtsträger zeigen generell Affinitäten zum Totalitarismus und Nationalsozialismus.
Einen dritten Schauplatz der Streitschrift bildet schließlich die Auseinandersetzung des Verfassers mit der Kirchengemeinde Hiddensee im Zuge der Entstehung seiner Studie (explizit S. 242-252). Damit wird auch der historische Rahmen verlassen und der Bereich der Geschichtspolitik betreten. Deutlich wird, dass dem Verfasser die Recherchen zu seiner Studie tatsächlich stark erschwert wurden. Seine subjektiv verständliche Verärgerung darüber mündet in allgemeine Anwürfe gegen „die“ Kirche, die ihre Vergangenheit beschönigen, verunklaren oder verschweigen würde und also eine amoralische Geschichtspolitik betreibe, die es zu demaskieren gelte. Die polemische Tendenz des Bandes zeigt sich in diesen Passagen besonders unverstellt.
Wesentliche Intention des Buches ist nicht aufzuklären, sondern abzuschrecken. Das wird bereits am plakativen Titelterminus „Reichsgottesdienst“ deutlich, der keine Entsprechung in Quellentexten hat, sondern eine eigenwillige Kompilation aus den historisch belegten Termini „Reichsarbeitsdienst“ und „Reichsgottesarbeit“ darzustellen scheint. Wie in diesem Titelbegriff kombiniert der Verfasser auch in seinen ambitionierten Thesen (siehe oben) allzu Unterschiedliches und mitunter völlig Unvereinbares. Was dennoch wertvoll ist und die Lektüre lohnt, ist die sorgfältige Edition amtlicher, halbamtlicher und privatschriftlicher Überlieferungen aus Arnold Gustavs Feder. Diese weitgehend ungekürzt edierten Notate eines Pfarrers und Zeitzeugen des Dritten Reiches zeigen zwar nicht das, was der Editor festzustellen glaubt: den Nationalsozialisten Arnold Gustavs. Aber sie belegen in ihren unterschiedlichen Gattungsformen ein durchaus spannungsvolles Gemenge an subjektiven Haltungen, zeitbedingten Vorstellungen und mitlaufenden Interessegesichtspunkten, die für einen Teil des damaligen akademisch gebildeten, protestantischen Milieus vielleicht wirklich exemplarischen Charakter beanspruchen können. Gustavs wesentlich außen- und sozialpolitisch begründete Aufgeschlossenheit gegenüber dem sich 1933 etablierenden Regime beschränkt sich – wie bei anderen Pfarrerkollegen seiner Zeit – ganz wesentlich auf die frühe Phase des NS-Staatsbildung und ist vor dem Hintergrund der letzten Jahre der Weimarer Republik erklärbar. Sein zwischenzeitliches Engagement bei den Deutschen Christen war – wie aus den mitgeteilten Texten erkennbar ist – volksmissionarisch motiviert. Seine insgesamt sparsam gehaltenen politischen Äußerungen zeigen keine gesinnungsmäßige Affinität zur nationalsozialisozialistischen Ideologie, sondern entspringen einem Pastorennationalismus, der damals typisch war. Im Ganzen belegen Gustavs gattungsdifferente Notate einen sich vorsichtig bewegenden Beobachter seiner Zeit, der politisch weder besonders interessiert, noch informiert ist. Soweit Anpassungsleistungen erkennbar werden, entsprechen sie dem Motiv demonstrativer Unauffälligkeit. Arnold Gustavs Desillusionierung gegenüber dem Nationalsozialismus als gesinnungspolitischem System setzt spätestens 1935 ein. Dass Gustavs sich nicht zum Widerstandskämpfer entwickelte, ist deutlich, sollte aber auch nicht zum Maßstab historischer Beurteilung gemacht werden. Die sehr persönlichen Kontakte zur Kommunistin Judith Auer, deren politische Verfolgung 1944 in ihrer Hinrichtung endete, deutet immerhin ein gewisses Solidaritätspotential der Hiddenseer Pfarrfamilie zu NS-Gegnern an (vgl. S. 285-292).
Damit komme ich zum Fazit. Owe Gustavs Buch ist ein Beispiel dafür, dass Belesenheit in der kritischen Kirchengeschichtsschreibung, deren interessierte Kenntnisnahme vom Autor breit nachgewiesen wird, nicht automatisch davor schützt, in eine willkürliche Geschichtsdarstellung zu münden. Woran es dem Kompilator und Kommentator durchgängig mangelt, ist methodisch vorgehende Reflexion und Selbstkontrolle, die danach fragt, ob das, was belegt werden soll, wirklich belegt wurde, und ob das, was vorzufinden war, ausreichend interpretiert und eingeordnet worden ist. Was an diesem Buch bleibenden Wert behält, ist die Präsentation authentischer Quellen.

Irmfried Garbe, Greifswald


Zeitgeschichte regional